Worum es geht, oder: Viel Krach um Ach!


Z., ein Mathematiker und S., ein Meister des Schachs, verkörpern die beiden Pole, wie über Schach gesprochen werden kann. Die Sichtweise von Z. gründet auf Logik, die von S. auf Empirie, also auf Erfahrung und daraus abgeleiteten Regeln.


Lassen sich diese beiden Betrachtungsweisen widerspruchsfrei auf einen Nenner bringen? Gibt es, neben Snosko-Borowskys So darfst Du nicht Schach spielen auch ein So darfst Du nicht über Schach sprechen?


Fehler


Ach und seine Zielgruppe


Ein Schachspieler von geringem Schachverstand, nennen wir ihn Ach der Patzer in Erinnerung an Milnes Puh der Bär, sucht seit geraumer Zeit nach Aufklärung darüber, warum ein so logisches Spiel wie Schach begrifflich wie ein Fußballspiel behandelt wird: Hier wie dort lassen die Kommentatoren beispielsweise etwas gelten, was sie einen mehr oder weniger großen Vorteil nennen. Im Falle des Schachspiels, findet Ach, herrscht da Erklärungsnotstand.


Ach wendet sich an Schachspieler, die sich bei der Lektüre von Schachlehrbüchern, Partiekommentaren oder Trainingsmaterial fragen, worauf die darin benutzten Begriffe, Prinzipien, Regeln und Trainingsmethoden gründen oder gründen sollten. Schach ist ja kein Fußballspiel!


Achs Werkzeug und Sichtweise


Ach benutzt, um den oben erwähnten Erklärungsnotstand zu beseitigen, eine Lupe, die er Zermelo-Lupe nennt. Sie zeigt, so wie ein Elektronenmikroskop die atomare Struktur eines als Kontinuum wahrgenommenen Stücks Materie auflöst, das grundsätzliche Ergebnis einer Schachposition: Entweder gewonnen, unentschieden oder verloren. In Zeichen: +, = oder –. Für jeden Halbzug. Aus weißer, wie aus schwarzer Sicht. Jedenfalls prinzipiell.


In Kommentaren von Schachpartien dominiert eine andere Betrachtungsweise: Ach bezeichnet sie als Blick durch die Steinitz-Lupe, weil die Art und Weise, wie über Schach gesprochen wird, eng mit dem Namen des ersten offiziellen Weltmeisters verbunden ist.


Achs Ziel ist es, die in unklaren Stellungen dominierende Betrachtungsweise durch die Steinitz-Lupe so abzuändern, dass sie widerspruchsfrei zur Zermelo-Lupe ist.


Das ist zurzeit nicht der Fall: Jeder Kommentar, der dem prinzipiell richtigen Blick durch die Zermelo-Lupe widerspricht, ist falsch – oder auf Sand gebaut. Häufig zu lesende Kommentare wie ... die schwarze Position erwies sich als schwierig. Weiß gewann schließlich... sind deshalb wenig erhellend. Sie können im Widerspruch zur Logik des Schachspiels stehen.


Ach sucht die zermelo-korrigierte Steinitz-Lupe als logisch korrektes Werkzeug zur Betrachtung einer Schachpartie!

Achs 8 Thesen zur Korrektur der Steinitz-Lupe


Von zentraler Bedeutung für die Kommentierung von Schachpartien sind Begriffe wie beispielsweise Vorteil oder Nachteil, Nullzug, Drohung oder Prohylaxe, Initiative, Falle, Fehler, einziger Zug, Zugzwang und viele mehr.


Diese Begriffe werden allerdings überwiegend intuitiv oder schlecht definiert benutzt, und öffnen dadurch einander widersprechenden Aussagen Tür und Tor. Ach versucht, diese Widersprüche bei der Benutzung der Steinitz-Lupe zu vermeiden.

  1. Die Grundstellung des Schachspiels ist eine Remis-Position.
  2. Eine Schachpartie kann grundsätzlich nur durch einen Fehler entschieden werden. Fehlerfreie Partien enden unentschieden.
  3. Fehler im Schach sind einen einzigen Halbzug lang, sie haben also nicht die Länge einer ganzen, von einem Plan oder einer Idee motivierten Variante.
  4. Für eine Schachpartie gilt das Anti-Münchhausen-Prinzip: Keiner kann sich selbst am eigenen Zopf aus dem Sumpf einer verlorenen Stellung ziehen.
  5. Niemand kann seinen Gegner in Zugzwang bringen. Zugzwang und Zugpflicht sind per definitionem verschieden.
  6. Es gibt keine mehr oder weniger großen Vor- oder Nachteile im Schachspiel. Auch nicht in unklaren Positionen.
  7. Insofern Aussagen über das Schachspiel in unklaren Positionen mittels statistischer Methoden oder auf der Basis von Regeln und Prinzipien aus der Spielpraxis getroffen werden, sind sie nicht sicher (Keine Regel ohne Ausnahme!), sie bleiben aber zur Entscheidungsfindung in einer praktischen Partie von zentraler Bedeutung.
  8. Schach ist primär ein auf Fallenstellen (in ruhigen Stellungen Kneten genannt) und Prophylaxe angelegtes Spiel.

Ach vertritt die Auffassung, dass Partiekommentare mit seinen Thesen im Einklang stehen müssen. Tun sie es nicht, hält er sie für wenig nützlich, oder gar so nutzlos wie die logisch wahre Aussage


Wenn ein Einhorn fünf Beine hat, dann ist 2+2=4.


Wer will die Richtigkeit dieser Folgerung bezweifeln? Okay, das klingt jetzt etwas übertrieben. In den Kommentaren und Lehrbüchern hört sich das eher so an:


Die weiße Bauernmajorität am Damenflügel und der in der Mitte des Brettes steckengebliebene schwarze König brachten Schwarz Zug um Zug in immer größere Schwierigkeiten, die letztlich zum Zusammenbruch seiner Stellung führten.


Also ein Sieg auf der Grundlage des Prinzips zweier Schwächen. Das klingt gut. Auch lässt sich so spielen. Ach bedient sich ja selbst solcher Prinzipien zur Stellungsbewertung und Zugauswahl. Aber er weiß, dass er ohne einen konkreten Fehler des Gegners keinen Vorteil haben kann. Auch keine kleinen Vorteile. Es gibt sie nicht, und sie lassen sich demzufolge auch nicht addieren. Also müsste die Schachlehre nicht nur zeigen, wie Fehler ausgenutzt werden können, sondern auch, wie sie entstehen – um sie künftig zu vermeiden!

Bei der Analyse von Schachpartien sollte also die Anwendung allgemeiner Prinzipien zwecks Nachweis eines (oder mehrerer Fehler) mit Vorsicht eingesetzt werden. Hier legt Ach die Messlatte höher – insbesondere bei der Analyse einer Schachpartie durch Meister.


Wer einen Fehler nachweisen möchte, muss dies punktgenau tun: Einen Halbzug finden, der die Bewertung der Stellung kippt.


Allgemeine Prinzipien mögen dabei hilfreich sein, beweisen können sie jedoch leider nichts! Und wenn die Analyse einer Position nicht punktgenau ist, dann trägt sie auch nichts zum Verständnis des Schachspiels bei. Nur zur Legendenbildung, und die nimmt mit der Anzahl der Steine auf dem Brett zu.