8.1 Opposition gegen Opposition 1


In der Schachliteratur wird der Begriff Opposition beispielsweise wie folgt definiert:


Die Könige stehen in Opposition, wenn in dem Rechteck, dessen Ecken die Könige besetzen, alle Ecken von derselben Farbe sind [s. Bönsch, Schachlehre, S. 181].


Worin besteht der Nutzen dieser Definition? Lassen sich damit Aussagen über eine hinreichend große Menge von Positionen formulieren, an denen mehr als nur die beiden Könige und ein einziger Bauer auf der 6. (resp. 3.) Reihe beteiligt sind?


Versuchen wir es mit einer kleinen Untermenge der Menge aller reinen Bauernendspiele mit zwei weißen und drei schwarzen Steinen und behaupten, dass eine jede solcher Positionen, in denen Schwarz am Zug die Opposition einnehmen kann, eine Gewinnstellung für ihn ist.


Die folgenden Beispiele zeigen, dass dies nicht der Fall ist.


Zunächst ist festzustellen, dass Schwarz nur dann einen Gewinnzug hat, wenn er auf Gewinn steht. Das wird gerne vergessen. Aber es geht nicht anders. Die Frage ist nun, ob unter den werterhaltenden Zügen stets ein die Opposition einnehmender Königszug ist.


Opposition


Diagramm 1: Opponieren oder nicht, das ist die Frage


Opposition


Diagramm 2: Als Referenzfeld für die Platzierung des in direkter Opposition stehenden Königsduos dient das Feld des weißen Königs. Steht er beispielsweise auf einem der gelben Felder, handelt es sich um eine Remisposition s. Farbcodes


Falls der letzte Zug von Schwarz in Diagramm 1 1...Kf5 gewesen sein sollte, dann ist dieser Zug die korrekte Entscheidung (es sei denn, er hätte den weißen Bauern auf h4 schlagen können).


Je nach Lage des opponierenden Königsduetts - als Referenzfeld dient das Feld, auf dem der weiße König steht - kann in Diagramm 2 der Positionstyp des resultierenden Endspiels abgelesen werden.


In diesem konkreten Fall hat Weiß, wäre er am Zug, nur dann ein Remis, wenn sein König auf einem der Felder a6 bis e6, a5 bis f5, a4 bis g4, h3, h5 oder g6 steht. Die Konstellation mit einem weißen König auf f6 ist ebenfalls unentschieden, jedoch nicht farblich markiert, weil Schwarz in dieser Position keinen regelgerechten Zug hat.


8.2 Opposition gegen Opposition 2


Ist die Einnahme der Opposition auch in allen anderen Fällen die richtige Wahl? Nein!


Opposition


Diagramm 3: Opponieren oder nicht: Schwarz am Zug - Ja, gewinnt! Weiß am Zug - Nein, vergibt das Remis!.


In Diagramm 3 – eine (=/+)-Position – steht Schwarz nach Einnahme der Opposition auf Gewinn. Es ist auch der einzige Zug, der gewinnt. Wäre Weiß am Zug, stünde er nach Einnahme der Opposition durch 1 Kg4 auf Verlust. Er hat jedoch einen (einzigen) Remiszug, nämlich 1 Kf4!, und daran ändert selbstverständlich nicht, dass nun Schwarz durch 1...Kf6 die von Weiß zur Verfügung gestellte Opposition einnehmen kann!


Opposition


Diagramm 4: Opponieren oder nicht: Schwarz am Zug - Nein, vergibt den Gewinn für ein Remis! Weiß am Zug - Nein, vergibt das Remis und verliert!


In (Diagramm 4, eine (=/+)-Position), würde Schwarz nach Einnahme der Opposition auf Remis stehen. Also wäre 1 Kg6? ein Fehler! Den Gewinn garantieren nur die Züge 1 Ke5 und 1 Kf7. Letzterer ist allerdings langsamer: 31 statt 23 Züge bis zum Matt! Auch für Weiß ist die Einnahme der Opposition schädlich: 1 Kf4? verliert. Er muss 1 Kh5! spielen, um ein Remis zu halten!


Opposition


Diagramm 5: Opponieren oder nicht: Schwarz am Zug - Nein, vergibt - wie auch die Diagonalopposition nach Kf6 den Gewinn für ein Remis! Weiß am Zug steht auf Velust!


In Diagramm 5 könnte Schwarz es – weil der direkte Oppositionszug 1 Ke6 einigermaßen absurd aussieht, obwohl er den Sieg von Schwarz nicht verschenkt – mit der diagonalen Opposition versuchen. Aber 1 Kf6? verdient mit Recht ein Fragezeichen, weil dieser Zug verliert. Er sollte den Anti-Oppositionszug 1 Kf5! spielen. Aber auch mit 1 Ke7 bleibt Schwarz in der Gewinnspur. Allerdings benötigt er nun bis zum Matt 31 statt 17 Züge! Weiß ist in Diagramm 5 chancenlos: Es handelt sich um eine vom Zugrecht unabhängige Gewinnposition für Schwarz, Weiß hat also nur Verlustzüge, und daran kann auch die Einnahme der Opposition durch Weiß nichts ändern.


An diesen Beispielen kann zumindest erkannt werden, dass es nicht einfach ist, einen möglichst einfachen Allsatz - selbst für eine relativ kleine Menge von Bauernendspielen mit 6 Steinen - zu formulieren. Die Nähe der Könige zu den Bauern scheint bedeutender zu sein als die Möglichkeit zu opponieren.


Soviel zum Begriff der Opposition!


Positionstypen und Farbcodes


Farbcode


Farbcodes zur Darstellung der Positionstypen ohne Berücksichtigung des Zugrechts


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