5. Zugzwang oder Zugpflicht?


Ein Beispiel zum Thema Zugzwang und der Notwendigkeit, die Begriffe Zugzwang und Zugpflicht klar zu trennen:


In der Partie Carlsen,Magnus (2882) – So,Wesley (2776) [C54], Sinquefield Cup 7th Saint Louis (10), 27.08.2019, ChessBase Magazine Nr. 192, kam es nach dem Zug 35.c4 zu folgender Stellung und anschließenden Kommentaren von Peter Heine Nielsen resp. Magnus Carlsen:


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Carlsen,Magnus – So,Wesley


35. . . fxe4+


Peter Heine Nielsens Kommentar: Facing reality, So alternates his plan, tries to complicate. The problem is, as Magnus happily explained after the game, that the fortress after 35...Kf6 36 g4 f4 37 Le1 g5 38 Lc3!


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Carlsen,Magnus – So,Wesley: Analyse


has one problem: Yes, everything is solididly protected and White can do no harm to Black’s position on his own. But as Black is not allowed to pass, Zugzwang here plays its deadly consequence. Black has to make a move, and that makes his position instantly collapse. The rook needs to protect the b-pawn, but if it goes to b8, it allows Lxa5.


The knight on d6 is needed there to protect the rook on b7, else Bxa5 again is possible, and as the king is stuck on f6 protecting e5, and Black has run out of pawn moves, this is a pure and illustrative zugzwang. Black’s position will fall like a cardhouse, when removing one bit, will eventually make it all fall.


Achs (or Oops) Kommentar: Kaum zu glauben, dass Magnus Carlsen das gesagt haben soll. Will er damit zum Ausdruck bringen, er habe So in Zugzwang gebracht – was leider nicht geht -, oder möchte er sagen, nach seinem 38. Zug in der mit 35...Kf6 eingeleiteten Variante sei eine für ihn günstige (!) Zugzwangposition entstanden?


Wenn die Position nach dem 38. Zug eine Zugzwangposition wäre, dann hätte Carlsen nicht mehr als ein Remis, weil sich jemand nur dann in Zugzwang befinden kann, wenn er auf Verlust steht, und sein Gegner – wäre er am Zug – höchstens ein Remis erzwingen könnte. In Kurzform:


Zugzwangpositionen sind entweder vom Typ (=/–), (–/=) oder vom Typ (–/–).


Umgekehrt geht es auch: Wenn So im 38. Zug in Zugzwang ist – er sich also in einer Position vom Typ (=/–) oder (–/–) befindet – hat Carlsen höchstens ein Remis! Er wähnt sich aber auf Gewinn: Im Schachspiel gibt es jedoch keine regelgerecht entstandene Position, in der eine Seite auf Gewinn steht und sich die andere Seite, würde ihr das Zugrecht übertragen, in Zugzwang befindet. Es sei denn, man rechnet Gewinnpositionen, deren Ausgang unabhängig vom Zugrecht ist, also (+/–)- und (–/+)-Positionen, zur Kategorie der Zugzwangpositionen. Das würde jedoch den Begriff Zugzwang obsolet machen, schließlich besteht im Schachspiel Zugpflicht. Ist es Zufall, dass Ach gerade jetzt an Astrid Lindgrens Karlsson auf dem Dach denken muss: Einen großen Geist stört das nicht?


Wer also beide Begriffe – Zugzwang und Zugpflicht – logisch korrekt nebeneinander benutzen möchte, kommt an der oben gemachten Unterscheidung zwischen Zugwangpositionen und Gewinn- resp. Verlustpositionen nicht vorbei.


In den meisten Fällen sind jedoch weder Meister noch Patzer in der Lage, zu entscheien, um welchen Positionstyp es sich handelt. Darin liegt ja der Reiz des Schachspiels. Allerdings verpflichtet dieser Umstand dazu, mit Begriffen wie Zugzwang, Vorteil, Schwäche, Gleichgewicht, etc., und insbesondere mit Regeln und Prinzipien, deren Aussagen sich häufig über ganze Zugfolgen erstrecken, vorsichtig umzugehen.


Zu den Details:


Carlsen or Nielsen: White can do no harm to Black’s position on his own.


Ach: Das stimmt allerdings. Es gibt keinen Gewinnzug im Schachspiel ohne einen vorausgegangenen Fehler.


Carlsen or Nielsen: Black has to make a move, and that makes his position instantly collapse.


Ach: Schwarz steht möglicherweise bereits auf Verlust. Ein Kandidat für einen Verlustzug ist der Zug 31 Se7. Es sollte das Ziel einer Analyse sein, das unter gleichzeitiger Angabe eines korrekten Zuges zu bestätigen oder einen anderen Zug als Fehler zu identifizieren.


Carlsen or Nielsen: Zugzwang here plays its deadly consequence.


Ach: Niemand kann seinen Gegner in Zugzwang bringen. Zugzwang ist zwingend die Folge eines Fehlers. Allerdings führt nicht jeder Fehler unmittelbar und zwingend zu einer Zugzwang-Position. Aber nach einem Fehler können in der Folge von Zügen Zugzwangpositionen auftreten.


Fazit: Ach du meine Güte, könnte jetzt jemand Ach antworten. Wem hilft denn diese Haarspalterei eines Patzers? Darauf würde Ach antworten: Das ist nicht die entscheidende Frage. Die müsste lauten: Was kann ich aus den Kommentaren der Meister lernen? Haben die obigen Kommentare Carlsens oder Nielsens einen Nutzen, helfen sie beispielsweise einem Lernwilligen künftig weniger Fehler zu machen? Nein, das tun sie nicht. Achs Begeisterung für die Spiele der Meister ist zwar ungebrochen, nicht aber seine Begeisterung für deren Kommentare.


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