1. Eine (=/+]-Position


Die folgende Position stammt aus dem Buch Recognizing Your Opponent´s Resources - Developing Preventive Thinking von Mark I. Dvoreckij (Übungsaufgabe 2-98 nach D. Gurgenidze).


Diagramm 1


Diagramm 1


In dieser Position ist Weiß am Zug. Achs Lupe (5-Steiner Datenbank!) zeigt an: Remis, also =. Allerdings droht Schwarz zu gewinnen: +. Es liegt eine (=/+]-Position vor, da Weiß am Zug ist. Könnte Schwarz diese Stellung durch Umkehr des Zugrechts erreichen, läge eine [=/+)-Position vor:


Also eine - bitte nicht erschrecken - Nullzugsposition mit Vorteil für Schwarz. Allerdings funktioniert die Zugrechtübertragung nur durch Unterstützung von Weiß. Es gibt leider - wie in der zitierten Quelle behauptet - kein Gewinnmanöver seitens Schwarz, um das zu erreichen. Gewinnmanöver gibt es, wenn überhaupt, nur in bereits gewonnenen Stellungen (also als Folge eines gegnerischen Fehlers).


Mit


1 Ta3+


dem einzigen Zug von insgesamt 22 Zügen, der das Remis hält, steht Schwarz vor der Wahl, seinen König nach b1 oder nach b2 zu ziehen. Dvoreckij gibt dem Zug 1... Kb1 irrtümlich ein Fragezeichen, obwohl dieser Zug, wie auch 1...Kb2, ein Remiszug ist. Nach den weiteren Zügen


1...Kb2 2 Tg3 e3 3 Kd5 Kc2 4 Ke4 Kd2 5 Th3


kommt es zur Stellung in Diagramm 2 (die farbigen Felder geben Hinweise auf den Positionstyp einer Stellung: es gibt 9 Farbcodes für Stellungen ohne Angabe des Zugrechts, 3 Codes - Ampelcode Grün-Gelb-Rot für Sieg, Remis und Niederlage - unter Berücksichtigung des Zugrechts. Auf Feldern mit einem Kreuz darf der König der nicht am Zug befindlichen Seite – hier also der weiße König – nicht stehen):


Diagramm 2


Diagramm 2


Diagramm 3


Diagramm 3


Farbcode


Farbcodes zur Darstellung der Positionstypen ohne Berücksichtigung des Zugrechts


Steht der weiße König in Diagramm 2 statt auf e4 auf einem der grünen Felder, dann steht Schwarz am Zug auf Gewinn.


In Diagramm 3 kann Weiß am Zug nur mit seinem König auf einem der gelben Felder die Stellung Remis halten. Auf seinem aktuellen Feld e4 steht Weiß am Zug auf Verlust. Überträgt Weiß sein Zugrecht auf Schwarz, kann Schwarz bei optimalem Spiel ein Remis – jedoch keinen Sieg – erzwingen. Es liegt also einseitiger weißer Zugzwang vor. Somit ist Dvoreckijs Kommentar falsch. Es liegt kein beiderseitiger (reziproker oder mutualer) Zugzwang vor.


Hätte Weiß in Diagramm 1 statt 2 Tg3 in der obigen Hauptvarianten den Zug


2 Th3?


gespielt, den mit Recht ein Fragezeichen ziert, weil er ein Verlustzug ist, dann ergibt sich nach


2...e3 (oder 2...Kc2) 3 Kd5 Kc2 4 Ke4 Kd2


dieselbe Position wie die in Diagramm 2, jedoch mit Weiß am Zug (s. Diagramm 3):


In dieser Position hat Schwarz (nach wie vor nach dem Fehler von Weiß im zweiten Zug, also durch 2 Th3) auf jeden beliebigen Zug von Weiß einen Gewinnzug. Dazu bemerkt Dvoreckij nun:


Das Gewinnmanöver wurde nur dadurch möglich, dass der weiße Turm die h-Linie verlassen musste.


Das ist nicht korrekt, und es klingt so, als hätte Schwarz nur das richtige Manöver finden müssen, um zu gewinnen: Der Fehler liegt allein in der Tatsache begründet, dass der Zug 2 Th3 ein absoluter Fehler ist.


Fehler in ausgeglichenen oder gewonnenen Stellungen sind immer einen einzigen Halbzug lang, und nicht die Folge mehrerer Züge!


Wenn jemand behauptet, ein falscher Plan (oder eine Folge von Zügen) sei der Grund für eine Niederlage, dann kann das höchstens heißen, dass innerhalb des Planes ein Fehler vorliegen muss. Aber ohne zu sagen wo, ist das nicht hilfreich!


(-/=)


Diagramm 4: Eine einseitige Zugzwangposition für Weiß: (–/=). Farbcode: Rosa


In Diagramm 4 läge nur dann eine Position mit reziprokem Zugzwang vor, wenn die Position vom Typ (–/–) wäre. Das ist aber nicht der Fall. Der weiße König steht auf einem Feld „mittlerer Röte". Steht er auf einem der grauen Felder, liegt eine vom Zugrecht unabhängige Gewinnposition für Schwarz vor: (–/+).


Nun zu den farbigen Feldern: Steht der weiße König in Diagramm 2 auf einem der grünen Felder, dann steht Schwarz am Zug auf Gewinn. Steht er auf dem einzigen gelben Feld e4, dann kann er das Remis halten.


Im Diagramm 3 hat Weiß nur mit einem König auf den sechs gelben Feldern in unmittelbarer Nähe des schwarzen Bauern d3 die Möglichkeit, die Partie unentschieden zu halten. Auf allen anderen Feldern steht der weiße König mit Weiß am Zug auf verlorenem Posten.


Diagramm 4 fasst die Ergebnisse der Diagramme 2 und 3 über den Farbcode auf der Seite Wörterbuch zusammen! Der weiße König befindet sich auf dem Feld e4 in einer Ausnahmeposition: Weiß am Zug verliert, Schwarz am Zug kann höchstens ein Remis halten. Es handelt sich also um eine (–/=)-Position. Mit Weiß am Zug (s. Diagramm 3) liegt eine Zugzwang-Position mit einseitigem Zugzwang für Weiß vor.


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